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Internationaler Erfahrungsaustausch von Kommunen: Jahreskongress der Major Cities of Europe fand in Leipzig statt

Rund 150 Vertreter von Kommunen und kommunalen Unternehmen aus 18 Ländern Europas und darüber hinaus haben Ende Mai an der Jahreskonferenz der Major Cities of Europe (MCE) in der Kongresshalle am Zoo in Leipzig teilgenommen. Unter dem Titel „Are we ready? Taking the digital city to the next level” tauschten sie sich darüber aus, wie Kommunalverwaltungen smart, nachhaltig und bürgerfreundlich gestaltet werden können.

Es waren nicht die Informationstechnologien als solche, die im Mittelpunkt der internationalen Beiträge, Diskussionsrunden und Workshops standen, sondern vielmehr die Möglichkeiten, die sie für die Entwicklung kommunaler Verwaltungen und Services eröffnen und wie sie genutzt werden können, um den Herausforderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte zu begegnen.

Moderne Bürgerservices: Vorreiter Tel Aviv

Giorgio Prister, Präsident des MCE, begrüßt das internationale Publikum in Leipzig.

Während sich die Aufgaben und Probleme in den Teilnehmernationen ähnelten, zeigten sich deutliche Unterschiede in der Herangehensweise, diese zu lösen. Die europäischen Städte kalkulieren Kosten, messen, schätzen Werte ab und formulieren Business Cases. Die Stadt Tel Aviv dagegen setzt auf das Machen und gestaltet pro-aktive Services, die sich vorwiegend an den Bedürfnissen der Bürger und Wirtschaft orientieren. Schon heute gibt es dort einen regen Austausch zwischen der Stadtverwaltung und ihren Bewohnern, die dafür eine spezielle Smartphone-App namens DigiTel nutzen. Die App ermöglicht nicht nur einen intensiven Dialog, sondern bietet den Bürgern eine Vielzahl von Vorteilen, etwa Bürgerbeteiligung oder zielgruppengerechte Angebote und Informationen. Dadurch steigen Akzeptanz und Nutzung der App in der Bevölkerung kontinuierlich, berichtete Liora Shechter, CIO in Tel Aviv.

Stephan Stubner, Rektor der Handelshochschule Leipzig HHL, referierte zum Smart-City-Projekt der Stadt Leipzig.

 Smart-City-Prozess in Leipzig

Der Eröffnungstag stand ganz im Zeichen der Gastgeberstadt Leipzig und Deutschlands. Die Stadtverwaltung Leipzig und ihre Partner stellten den Smart City-Prozess der Messestadt vor. Durch den Einsatz intelligenter Technologien und innovativer Infrastrukturen soll das Leben in der Messestadt ressourcenschonend, inklusiv und lebenswert gestaltet werden. Größte Herausforderung ist dabei das schnelle Bevölkerungswachstum der Stadt. Auch E-Mobilität und Leipziger Ansätze zur sinnvollen Bereitstellung und Verknüpfung von Geoinformationsdaten für den Bürger wurden thematisiert.

Herausforderung: Digitalisierung in einem föderalen Staat

Renate Mitterhuber, Leiterin der Geschäftsstelle des IT-Planungsrates, informiert zum neuen Online-Zugangsgesetz und den Auswirkungen auf die Digitalisierung in einem föderalen Staat.

In weiteren Beiträgen informierten am Nachmittag Renate Mitterhuber, Leiterin der Geschäftsstelle des IT-Planungsrates, und Dr. Ralf Resch, Geschäftsführer von Vitako, über die Herausforderungen der Digitalisierung in einem föderal organisierten Staat. Während Ralf Resch den deutschen Ansatz, Probleme durch Regulierungen lösen zu wollen, ebenso sachlich wie mit einem Augenzwinkern am Beispiel der Umsetzung des Online-Zugangsgesetzes kommentierte, betonte Renate Mitterhuber, dass die Bundesländer nun gezwungen seien, zusammenzuarbeiten und die bundesweit doch recht unterschiedlichen Ansätze zusammenzubringen.

Internationale Ansätze in Strategie und Praxis

Die beiden folgenden Veranstaltungstage waren international besetzt. Die Gäste reisten unter anderem aus Brüssel, Florenz, Venedig, Paris, Wien, Zürich und sogar aus Baltimore/USA und Tel Aviv/Israel nach Leipzig. In den Beiträgen, Diskussionsrunden und Workshops ging es sowohl um strategische Fragen als auch um konkrete Praxisansätze.

Sehr praxisnah und interessant wurde der Umgang mit der wachsenden Flut von Verwaltungsdaten diskutiert und welche Kompetenzen benötigt werden, um damit umzugehen. Ein Problem, das alle Kommunen gleichermaßen betrifft.

„Swimming in the data sea – are you still waving or drowning?“…

Interessante Panel-Diskussion zum Thema Umgang mit Verwaltungsdaten: Martin Ferguson, Policy an Research Director für Socitm/Großbritannien, Hervé Groleas, CIO Lyon Metropolis/Frankreich, Paolo Boscolo, IT-Manager der Stadt Prato/Italien und Gianluca Vannuccini, Amtsleiter Technologische Infrastrukturen der Stadt Florenze/Italien (v.l.)

… lautete die provokante Frage einer der Sessions. Wer nicht untergehen will, brauche einen guten Schwimmlehrer, hieß die schmunzelnde, und doch ernst gemeinte Antwort eines Diskussionsteilnehmers. Ein anderer ergänzte, es fühle sich manchmal so an, als würde man untergehen – obwohl man bei objektiver Betrachtung lediglich in einer Pfütze stehe. Das Management von Daten ist in jedem Fall ein Vollzeit-Job. Dabei gehe es weniger darum, schwer interpretierbare Statistiken aufzubereiten, als darum, Daten intelligent zu verknüpfen und diese für Bürger, Politik und Wirtschaft auf Open Data-Plattformen nutzbar zu machen.

In vielen Städten gibt es zwar Open Data-Angebote, sie werden jedoch nicht oder nur unzureichend genutzt, weil oft die Beteiligten gar nicht wissen, wofür und wie sie genutzt werden können. Die Stadt Florenz bietet deshalb Workshops für Studierende, Wirtschaftsvertreter und sogar Senioren an, um sie im Umgang mit den offenen Daten zu schulen. Schlussendlich gäben die Daten nicht nur wichtige Impulse für Wirtschaft und Politik, sondern auch für die Verwaltung selbst.

Data Academies zum Aufbau interner Kompetenzen

Doch nicht nur der Umgang mit Daten außerhalb der Verwaltung spielte eine Rolle. Sharon Paley von der John Hopkins University aus Baltimore/USA betonte die Notwendigkeit, auch verwaltungsintern Kompetenzen im Umgang mit Daten zu entwickeln und Verwaltungsmitarbeiter zu befähigen, Entscheidungen auf Grundlage verfügbarer Daten zu treffen. Sie stellte in ihrem Vortrag sogenannte Data Academies vor und gab praktische Hinweise, wie diese ausgestaltet werden können.

Bürgerbeteiligung:
Spagat zwischen rechtlichen Rahmen und technologischen Möglichkeiten

Welche Kompetenzen brauchen Bürger und Verwaltungsmitarbeiter künftig im Umgang mit Verwaltungsdaten: Stefanie Dreyer, Moderation, Alexandra Collm, Leiterin Kundenservice der Stadt Zürich/Schweiz, Sharon Paley, John Hopkins Universität Baltimore/USA,  Gianluca Vannuccini, Amtsleiter Technologische Infrastrukturen der Stadt Florenze/Italienund Hervé Groleas, CIO Lyon Metropolis/Frankreich

Alle Kommunen waren sich einig, dass Bürgerbeteiligung bei der Stadtentwicklung eine tragende Rolle spielen müsse. Es sei wichtig, sie dort abzuholen, wo sie leben – praktisch mit dem Bürger für den Bürger. Die belgische Hauptstadt Brüssel geht dabei crossmedial vor und nutzt neben einer elektronischen Plattform auch die sozialen Medien intensiv, um die Bürger in das Verwaltungshandeln einzubeziehen. Über 100 Ideen wurden bisher für den Bürgerhauhalt aus der Bevölkerung eingereicht, 17 davon stehen nun zur öffentlichen Wahl. Es wurde erwähnt, dass digital gestützte Bürgerbeteiligungsprojekte daran kranken, dass nicht alle Bürger einen ausreichenden Zugang zu erforderlicher Technik haben oder unerfahren in der Nutzung. Kommunen sähen sich außerdem oft vor der Herausforderung, einen Spagat zwischen rechtlichen Rahmenbedingungen und technologisch möglichen Innovationen zu meistern.

Kollaborationsprojekte in Kommunen

Doch nicht nur die Bürger müssen verstärkt als Partner für Verwaltungen und kommunale Unternehmen wahr- und ernstgenommen werden. Immer wieder betonten die Konferenzteilnehmer, wie wichtig es sei, intensiv mit Partnern zusammenzuarbeiten. Kollaboration habe dabei viele verschiedene Facetten. Isabella Mader vom Peter Drucker Institut warnte jedoch davor, Gemeinschaftsprojekte als Allheilmittel für alle Vorhaben zu betrachten, nur „weil es gerade jeder tue“. Man müsse vorher genau abschätzen, welche Ziele man verfolgt. Es gehe nicht darum, dass man ein Thema mit Partnern diskutiere, sondern warum man das Thema mit genau diesen Partnern diskutiere. Dabei sei ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Visionären, Pragmatikern und Kritikern wichtig, wolle man tatsächlich zu fruchtbaren Ergebnissen kommen.

Hannes Alpheis, Senatsdirektor der Freien und Hansestadt Hamburg, betonte die Bedeutung von Partnern im Kulturbetrieb. Eine Schwierigkeit sah Alpheis vor allem darin, die Verantwortlichen der Kulturszene dazu zu bewegen, die „eingetretenen Kunstwege“ zu verlassen und etwas zu wagen. „Wir müssen lernen, wie Influencing funktioniert.“ Man müsse akzeptieren, dass Placement, eye-catching und gamification auch vor der Kunst- und Kulturwelt nicht haltmache.

Smart Zone: Innovative Ideen aus Holland

Frische Collaboration- und Co-Creation-Ansätze lieferte auch die Stadt Antwerpen. Hier gibt es eine Art digitalen Spielplatz, die „Smart Zone“, innerhalb welcher sich Verwaltung und Startups sowie Unternehmen mit „Startup-Mentalität“ ausprobieren. Sie kreieren eine kleine „Smart City“, innerhalb welcher kommunale Probleme innerhalb kürzester Zeit beispielhaft durch konkurrierende, kreative Ideen gelöst werden. Mitunter vergehen so zwischen der Formulierung der Anforderung und der Realisierung der Lösung nur wenige Wochen, ein Wimpernschlag in der kommunalen Realität.

Internationale Smart City-Projekte: Sensorik und Drohnen im kommunalen Einsatz

Arnaud Ascenci, Chief Digital Officer Angers/Frankreich, zum Thema “Surf the Technology wave… an assurance for failing Smart City?

Um den sinnvollen Einsatz neuer Technologien für kommunale Belange und Smart City-Ansätze aus ganz Europa ging es am dritten und letzten Konferenztag. Die italienischen Kommunen Prato und L’Aquila stellten ihre 5G-Projekte und eine Vielfalt von praktischen Anwendungsbeispielen etwa bei der Telemedizin vor. Den Weg zur smarten Stadt beschreiten auch Florenz und Wien. Rainer Kegel, CIO der Stadtwerke, stellte laufende Projekte aus Wien vor, bei denen Sensorik und Drohnen genutzt werden, um Straßenbahnschienen, Windräder oder Kraftwerke auf Schäden zu untersuchen. Drohnen kommen beispielsweise zum Einsatz, um Windräder oder die Schornsteine von Kraftwerken auf Schäden zu untersuchen. Die Drohne mit ihren hochauflösenden Kamerabildern spart dabei das teure und aufwendige Herunterfahren von Anlagen und die anschließende Inspektion durch den Menschen.

Die MCE-Konferenz findet jährlich in einer der Mitgliedskommunen statt und gilt als eine der führenden Plattformen für den internationalen Erfahrungsaustausch auf kommunaler Ebene. Die nächste Konferenz findet am 13. und 14. Juni 2019 in Venedig/Italien, statt.

http://www.majorcities.eu/

 

Autoren: Tina Siegfried/Vitako, Manuela Kaspar/Lecos GmbH